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Selbsterkenntnis

“Nicht jedes arschige Verhalten ist mit Krankheit zu entschuldigen.”

(Himbeerbel)

Ein Stückchen Weisheit, zu dem ich aus eigener Erfahrung gekommen bin, was mir aber vor allem durch das momentane Lesen eines Buches über die Jugend eines Bipolaren bewusst geworden ist.

Warum!

Ich bin verunsichert. Eigentlich hatte ich gedacht und noch viel mehr gehofft, dass es mir nun allmählich immer besser ginge. Doch nun ist bereits der dritte Tag in Folge an dem ich ein heftiges Tief zu verzeichnen habe. Heute habe ich gleich nach dem Tief noch einen ordentlichen Kräfteschub gehabt. Ist das die Quittung dafür, dass ich in der vergangenen Woche aktiver geworden bin? Ich kann mich doch nicht dauerhaft in Watte packen. Und was soll erst werden, wenn im August die Integrationsmaßnahme beginnt?

Gegengedanken

Es denkt wieder und zerdenkt mich dabei, wie üblich.

Ich fühle mich wie gelähmt und bin kaum fähig zu Aktivität, die gerade jetzt wichtig wäre um von der Denkerei abzulenken. Stattdessen fühle ich mich unfähig. Alles scheint sinnlos. Und doch ist da zugleich das Wissen um den zeitweise getrübten Blick, der vielleicht schon in einer halben Stunde ganz anders sein kann, wenn ich nicht nur durchhalte sondern außerdem kämpfe und mich für die Dinge öffne, die mir guttun und speziell mein Leben schön und lebenswert machen. Ein solches Denken zerdenkt meine negativen Gedanken – glücklicherweise.

Undenk

Mir ist schlecht und das obwohl ich gesiegt es wieder mal geschafft habe.

Aber nach feiern ist mir nicht zumute.

Wieder einmal hat sich das Denken verselbständigt. Der negative Gedankensog hat mich einfach mitgerissen. Überall nur Missgunst und Lüge. So real. So intensiv. Eine gedankliche Situation, die sich in unendlich schlammigen Farben weiterspinnt ohne zu einem Ende finden zu können. Meine Gefühlswelt passt sich dem Gedankendreck an. Mein Magen rebelliert, ich stehe unter Gefühlsdruck. Ein Entrinnen aus dieser Situation scheint weder möglich noch überhaupt nötig.

Und doch passiert es ganz automatisch. Fast so, als gäbe es einen Aufräumgedanken, der wieder Ordnung schafft. Plötzlich ist eine rationale Beurteilung des bis eben noch gedachten wieder möglich. Es ist sofort klar, dass es sich um Auswüchse kranken Denkens handelt.

Zurück bleibt ein unglaublich mulmiges Gefühl.

Und eine RIESENANGST.

Gestern hatte ich das Beratungsgespräch bei der Rentenversicherung. Ein unkompliziertes nettes Gespräch, bei dem nun festgelegt werden sollte, welche Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben denn nun genau bewilligt werden sollen. Da bereits in der Tagesklinik eine Integrationsmaßnahme für mich vorgeschlagen wurde, die mir nach einem Informationsgespräch vor Ort auch sehr zugesagt hat und in die ich große Hoffnung setze, war nach knapp 15 Minuten schon alles geklärt.

Heute habe ich dann mit der Kontaktperson für die Integrationsmaßnahme telefoniert. Da jetzt erstmal eine Menge Papierkram erledigt werden muss und der Amtsschimmel seine Vorlaufzeit benötigt, haben wir für mich als Starttermin den 1. August festgelegt.

Innerlich scharre ich mit den Hufen und möchte, dass es lieber heute als morgen losgeht. Andererseits bremst mich diese vermaledeite Krankheit immer wieder mit ihrer Stressempfindlichkeit aus. Obwohl gestern alles glatt gelaufen ist – ich habe den Weg gut gefunden, war zeitig da, hatte eine nette Gesprächspartnerin – bin ich dennoch wieder für einige Zeit von dem Krafttief verschluckt worden. Glücklicherweise hat es mich nach gut einer halben Stunde wieder ausgespuckt. Trotzdem verunsichert mich das und vor allem nervt es mich total.

Heute habe ich Post von der Deutschen Rentenversicherung bekommen. In dem Bescheid heisst es, das mir die Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben dem Grunde nach bewilligt werden.

Komische Ausdrucksweise. Soll wohl bedeuten, dass mein Anliegen nicht generell abgelehnt aber auch nicht uneingeschränkt bewilligt wird.

Die Entscheidung wird nach einem Beratungsgespräch mit der im Schreiben genannten Sachbearbeiterin vom Reha-Fachberatungsdienst getroffen, die sich mit mir zwecks Terminabsprache in Verbindung setzen wird. Weiter heisst es, dass ich für das erste Gespräch die Nachweise über meinen schulischen und beruflichen Werdegang bereithalten soll.

Einen aktuellen Lebenslauf mit Unterlagen werde ich gleich vorbereiten und bin eigentlich froh darüber, dass es endlich weiter geht. Gleichzeitig macht sich jedoch auch ein mulmiges Gefühl breit. Mit einem Grad der Behinderung von derzeit 30 % bin ich verpflichtet, dies bei meinem künftigen Arbeitgeber anzugeben. Gegebenenfalls kann ein Arbeitgeber ja auch Zuschüsse erhalten, wenn er mich einstellt und für mich müssen im gegenzug einige Dinge berücksichtigt werden.

Aber all das setzt zwingend einen offenen Umgang mit dem Thema Krankheit voraus. Vor der Frage, wie offen das sein muss, fürchte ich mich ein wenig. Bei meinen letzten Arbeitsstellen wurden psychisch Kranke gern als ‘Bekloppte’ betitelt. Da hätte ich mich ungern geoutet. Andererseits versuche ich so offen wie möglich und nötig mit meiner Erkrankung umzugehen und entscheide fallweise, wer wieviel von mir wissen muss und darf.

Dass ich diese Entscheidungsfreiheit in Punkto Arbeit aufgeben muss, macht mir etwas Angst.

Rekonvaleszenz

Seit kurzem geht es mir noch ein ganzes Stück besser. Ich fühle mich lebendig und wach. Kräftig genug, um gewisse Hausarbeiten ohne Pause(n) erledigen zu können. Glücklicherweise aber auch nicht so kräftig, diese Arbeiten unbedingt ohne Pause erledigen zu müssen. Gesellschaft schlaucht mich nicht und ich kann sogar teilweise mit Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung glänzen. Bei allem habe ich nicht das Gefühl, dass mein Zustand so wackelig wäre, dass er jeden Augenblick kippen könnte. Das war bis vor gut zwei Wochen der Fall und war auch nicht nur ein Gefühl – es entsprach den Tatsachen.

Jetzt glaube ich tatsächlich, ich bin über’n Berg.

Mich würde noch interessieren, ob meine Seelenverwundung einfach nur die nötige Zeit zum zuheilen hatte oder ob das Lithium bei mir seine volle Wirksamkeit entfaltet hat. Es war von einem halben Jahr gesprochen worden, was in etwa hin käme.

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