Kein Kinderspiel

Gerade habe ich mir die PsychCast News #5 angesehen und kann noch gar nicht so genau sagen, warum es mich so schockiert hat zu erfahren, dass bei Neugeborenen Absetzerscheinungen auftreten, wenn die Mutter Antidepressiva genommen hat. Die Symptome wünscht man dem Neugeborenen nicht, auch nicht in geringstmöglicher Ausprägung.

Es ist nicht so, dass bei mir ein Kinderwunsch bestünde, ich bilde mir ein die Wechseljahre gerade überstanden zu haben, aber für Enkelkinder wäre ich bereit. Und da wäre das Thema Antidepressiva wieder auf dem Tisch – bei meiner Tochter. Ihr habe ich zum Start in ihr Leben nicht nur Gene mitgegeben, die eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine psychische Erkrankung mit sich bringen (und leider auch gebracht haben), sondern der ich gleich nach der Geburt erstmal einen Nikotinentzug zugemutet habe, weil es mir nicht gelungen ist, in der Schwangerschaft nicht zu rauchen. In den beiden darauf folgenden Stillmonaten konnte ich zwar dem Nikotin entsagen, aber das ist letztlich dann auch nicht mehr der Rede wert. Nicht der beste Start für das Leben einer Neugeborenen.

Als Oma könnte ich vermutlich Besseres leisten. Ich rauche nicht nur seit 18 Jahren nicht mehr, sondern konnte Dank Psychopharmaka und Therapie mein Leben ändern, es lebenswerter machen, weil ich Vieles überdacht und meine persönlichen Werte neu definiert habe. Aber ich habe auch festgestellt, dass ich unter anderem meine Tabletten brauche, damit das alles funktioniert und darf froh darüber sein, dass ich ein Alter erreicht habe, in dem für mich der Kinderwunsch erledigt ist. Nichtsdestotrotz frage ich mich natürlich, ob ich andere Entscheidungen getroffen hätte, wenn ich gewusst hätte, welche Gene ich vererbe oder wenn ich während meiner Schwangerschaft vor mehr als 31 Jahren schon Antidepressiva genommen hätte. Ganz sicher weiß ich heute nur, dass ich eine nicht rauchende Schwangere wäre, so sehr ich meine Tochter auch liebe. Und doch fühlt es sich undenkbar an, dass ich sie nicht zur Welt gebracht hätte haben können, auch wenn ich ihr gerne die psychischen Probleme erspart hätte.

Meiner Mutter war vor mehr als 55 Jahren noch gesagt worden, dass ihre Epilepsie-Tabletten ungefährlich für das in ihr heranwachsende Kind seien. Heute weiß man auch das besser: Kann eine Epilepsie in der Schwangerschaft sicher behandelt werden? Es sind unter anderem embryonale Fehlbildungen möglich. Das blieb mir glücklicherweise erspart und doch frage ich mich, ob dort vielleicht auch eines der Puzzleteilchen zu finden ist, das meine Erkrankung begünstigt hat. Denn psychische Störungen treten bei Epilepsie-Patienten signifikant höher auf als bei der Allgemeinbevölkerung. Natürlich könnte das auch daran liegen, dass das Leben als Epilepsie-Patient seine ganz speziellen Herausforderungen hat – einiges habe ich mitbekommen, manches kann ich nur vermuten. Ändern würde es jetzt natürlich nichts, wenn ich eine Bestätigung in dieser Hinsicht bekäme. Aber ich kann wohl nicht anders und suche immer weiter nach Erklärungen.

Fest steht nur, es gibt wieder mal weder Schwarz noch Weiß, sondern viele Graustufen dazwischen, die in einander übergehen und von denen kaum zu unterscheiden ist, ob sie richtig oder falsch sind. Vielleicht sollte man lieber einfach nur aufs Herz hören hinsichtlich eines Kinderwunsches – aber wäre das nicht verantwortungslos?

Wissenswertes über Risperidon

Ich nehme wieder 1 mg Risperidon abends und das brauche ich auch. In der Anfangszeit als ich begann es zu nehmen (vor gut 14 Jahren), wurde eine Dosis von 2 mg täglich probiert, was ich überhaupt nicht vertragen habe. Ich kann mich noch daran erinnern, dass bei mir davon der Milchfluss eingesetzt hat, was mich damals ziemlich schockiert hat. Mit der geringeren Dosis komme ich hingegen gut zurecht. Die Tablette macht mich abends müde und wenn ich tatsächlich einmal vergessen habe sie einzunehmen, bezahle ich noch in der gleichen Nacht mit Schlafstörungen. Als ich hingegen im vergangenen Jahr meinte Risperidon ausschleichen zu können, wurde ich eines besseren belehrt. Mein Denkapparat versank im negativen Gedankenstrudel aus dem mich aber Risperidon gemeinsam mit Zeldox schnell wieder befreien konnte.

Wissenswertes über Lithium

Ich selbst nahm Lithium vor Jahren eine Zeitlang unter Beobachtung in der Tagesklinik ein, aber es hatte für mich keinen nennenswerten Vorteil gegenüber dem Medikament, das ich davor zur Phasenprophylaxe (Lamotrigin) einnahm. Aber ich weiß noch, dass ich froh war davon wieder loszukommen und wieder das vorherige Medikament einzunehmen, weil ich Sorge um meine Nieren hatte. Ich bekam damals vor Beginn der Behandlung mit Lithium einen längeren Aufklärungsbogen zu lesen, der mir doch ein wenig Angst gemacht hat.

Zurück zum Sport

Allmählich geht es mir wieder besser, was ich auch daran merke, dass Sport wieder zu einer Option für mich wird. Ich habe den Eindruck dafür wieder ein wenig Energie erübrigen zu können, auch weil ich weiß, dass mir Sport eigentlich gut tut und mich längst überzeugen konnte, was Wissenschaft und Medizin Positives über die Wirkung berichten:

Sport statt Pille finde ich allerdings zu reißerisch und kann das nicht bestätigen. Derzeit nehme ich drei unterschiedliche Medikamente und komme ganz allmählich wieder zu einer Konstitution, in der ich überhaupt erst Kraft dazu habe, über Sport nachdenken zu können. In Kürze werde ich wieder meinen Crosstrainer bemühen und mein Trampolin strapazieren und dabei versuchen eine Herzfrequenz von etwa 120 nicht zu überschreiten, damit es für meinen Körper nicht in Stress ausartet. Das Krafttraining muss noch etwas warten. So viel Biss habe ich noch nicht.

CBD sei Dank!

Momentan schlafe ich gut. Das weiß ich sehr zu schätzen, weil ich es auch anders kenne. Aber das Wachwerden macht mir mitlerweile Angst. Zu oft wird es momentan von einem Gedankenstrudel begleitet, der nur Schlechtes mit sich führt. So startet mein Tag nicht mit einer Freude auf den neuen Tag, sondern mit aller Negativität, zu der mein noch nicht wacher Geist imstande ist. Mein Aufstehen ist begleitet von einem Gefühl des starken gestresst Seins, das sich in einem steinharten Kloß in meiner Magengegend manifestiert.

Zusammen mit der negativen Grundstimmung und dem Gefühl, dass sich das Weiterleben nicht lohnt, möchte ich mich eigentlich am liebsten zurück ins Bett verkriechen, wenn ich die Gewissheit hätte, dass in meinem Kopf dann Ruhe herrschen würde. Aber dem ist nicht so und daher ist meine Strategie die, dass ich versuche meinen Kopf mit anderen Inhalten zu füllen und dabei meiner Tagesstruktur so gut wie möglich zu folgen. Durchhalten ist die Devise, weil meine Erfahrung gezeigt hat, dass bisher immer irgendwann am Tag der Punkt erreicht ist, an dem das Leben nicht mehr nur anstrengend ist und ich Dingen nicht mehr nur deshalb nachgehe, damit sie mich von meinem inneren Elend ablenken, sondern weil sie mir Spaß machen. Dann kehrt allmählich die Freude an den Dingen zurück und meine innere Sonne scheint wieder.

Aber in der letzten Zeit war ich oft verzweifelt und habe es oft nicht aushalten können, auf diesen Zeitpunkt zu warten. Dann griff ich zu den CBD-Kaugummis, die meine Tochter mir irgendwann einmal geschenkt hatte und die ich bei Rossmann inzwischen sogar selbst nachgekauft hatte (dieses Mal als Pastillen mit Cannabidiol). Ich habe zwei Kaugummis genommen und konnte an mir feststellen, wie sich der Stresszustand inklusive des Kloßes in meinem Bauch innerhalb kürzester Zeit auflöste. Ich kann kaum ausdrücken, wie dankbar ich diesen „Mundpflege-Kaugummis“ bin, die mir dazu verhelfen mit dieser depressiven Phase besser zurecht zu kommen. Und doch bin ich auch froh darüber, dass inzwischen einige Tage vergangen sind, an denen ich diese Kaugummis nicht brauchte und ohne sie zurecht kam.

Meine Psychologin bat mich Geduld zu haben, weil depressive Phasen meist viel Zeit brauchen, um vorüber zu gehen. Ich weiß das, aber wenn ich in dieser Situation stecke habe ich keine Zeit, sondern Angst. Angst vor dem Aufwachen am Morgen und der Angst davor irgendwann nicht mehr zu wissen, dass sich der Kampf lohnt, weil hinter den vorgegaukelten Trümmerwelten so viel Schönes, Lebens- und Liebenswertes liegt, das einfach gerade einen Moment braucht um von mir wiederentdeckt zu werden.

Borknagar – Voices

Ich mag das Lied, ich mag das Video und ich mag, dass die männliche Stimme, die mich über eine ganze Zeitlang vor Jahren begleitet hat, schweigt. Mir war zwar gelegentlich so, als wollte sich diese Stimme wieder melden, aber ich habe das abgeblockt und dann war Ruhe. Es hat sich gezeigt, dass ich doch die Möglichkeit habe, ihr etwas entgegen zu setzen. Ich lasse mich nicht mehr in bodenlose Phantastereien und Träumereien hineinfallen, sage ganz klar NEIN! zu der Stimme um sie zu blockieren, lenke mich von belastenden Gedanken ab, indem ich meinen Kopf mit anderen Inhalten fülle und nehme meine Tabletten.

Und doch bleibt da immer auch die Angst, irgendwann vielleicht so zu werden, wie die Frau hier im Ort, die immer allein unterwegs ist und die man dabei beobachten kann, wie sie lautstark mit den Stimmen in ihrem Kopf schimpft.

Antidepressiva: Die überschätzte Pille

Ich denke, dass bei mir das Zusammenspiel von Medikamenten und Psychotherapie hilfreich waren. Denn man muss für die Psychotherapie auch in einem Zustand sein, in dem man die Kraft hat, Empfohlenes auszuprobieren und umsetzen zu können. Und für manches muss auch eine gewisse Konzentrationsfähigkeit vorhanden sein, um Gehörtes überhaupt erfassen und überdenken zu können. Alles gar nicht so einfach.