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Tipp: Bipolar-Academy.com

Inzwischen ist es beinahe 10 Jahre her, dass ich verzweifelt professionelle Hilfe gesucht habe und bei mir die „Bipolare Störung“ diagnostiziert wurde – ein Meilenstein in meinem Leben. Das, was mich bereits etliche Jahre vorher quälte, war behandelbar und ich kein Einzelfall. Aber bis ich an den Punkt kam, dass ich der Krankheit nicht mehr einfach nur ausgeliefert war, war einiges an Arbeit und auch an Eigeninitiative nötig.

Zunächst bekam ich bei meinem ersten Klinikaufenthalt Medikamente, die mir schon nach kurzer Zeit halfen und die ich bis heute regelmäßig einnehme. Leider klappt dies nicht bei jedem so reibungslos, wie ich von anderen Betroffenen erfuhr, aber in dem Punkt hatte ich einfach neben kompetenten Ärzten auch ein wenig Glück. Die anschließende achtwöchige Betreuung in der Tagesklinik empfinde ich rückblickend als ebenso großen Glücksfall. Die sogenannte Psychoedukation, in der man unter anderem darin geschult wird die menschliche Psyche besser kennen zu lernen, ein eigenes Krisenmanagement zu entwickeln und dadurch wieder das Selbstvertrauen zu stärken, öffnete mir in so manchem Punkt die Augen. Außerdem werde ich bis heute kompetent, sympathisch und vor allem hilfreich psychotherapeutisch betreut. Vieles habe ich im Laufe der Jahre umgesetzt und war immer auf der Suche nach weiteren Informationen, die meinen Wissensdurst stillen konnten und mir darüber hinaus halfen, besser mit der Erkrankung zurecht zu kommen. Jemand hatte mir mal den Tipp gegeben: „Du musst Experte deiner Erkrankung werden.“ Daran halte ich mich bis heute. Nur wenn man weiß, mit „wem“ man es zu tun hat, kann man „ihn“ rechtzeitig erkennen und im besten Fall wirkungsvoll handeln.

Kürzlich wurde ich auf einen Online-Kurs bei der Bipolar-Academy aufmerksam und hätte mir gewünscht, dass es diesen Kurs bereits vor 10 Jahren gegeben hätte. Er hätte mir viel unnötige Literatur ersparen können und mich vielleicht sogar früher auf den richtigen Weg bringen können (auch wenn man das natürlich im Vorfeld nicht sagen kann, weil manche Entwicklungen einfach ihre Zeit brauchen). In 8 Einheiten gibt es zur Bipolaren Störung ansprechende und gut verständliche Animationsvideos, die durch vertiefende Texte unterstützt werden. Im einzelnen sind dies:

  • Die Bipolare Erkrankung
  • Für Familie & Freunde
  • Ursachen
  • Psychotherapie & Medikamente
  • Symptome & Diagnose
  • Frühwarnzeichen & Stimmungsänderungen
  • Stress & Erholung
  • Gesunder Schlaf

Besonders wichtig finde ich auch den darin angesprochenen Krisenplan, die Checkliste von Frühwarnsymptomen und das Stimmungstagebuch. Diese Dinge helfen beim intensiveren Kennenlernen der Bipolaren Störung und geben Tipps an die Hand, die den Krankheitsverlauf besser einschätzen helfen und einen im Notfall vielleicht schneller und effizienter handeln lassen.

Die erste Einheit kann man sich zum Kennenlernen gleich so auf der Seite anschauen. Möchte man sich auch die zweite Lerneinheit ansehen und durchlesen, kann man sich kostenlos anmelden. Die übrigen Einheiten sind derzeit pauschal kostenpflichtig und können für einen Preis erworben werden, der in einer ähnlichen Höhe anfiele, wenn man sich ein Buch zu dem Thema kaufen würde.

Für unterwegs gibt es die Bipolar-Academy übrigens auch als App fürs Smartphone, wo man außerdem in einem Quiz sein Wissen über die Bipolare Erkrankung testen und vertiefen kann. Die App habe ich zwar nicht ausprobiert, weil mein Smartphone schon einige Jährchen auf dem Buckel hat, aber die Lerneinheiten im Web konnten mich auf ganzer Linie überzeugen. Empfehlenwert!

Schaut gerne mal vorbei: Bipolar-Academy

Und auch bei Facebook gibt es immer interessante Beiträge zu entdecken.

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Mogwai: Coolverine

[gefunden bei MogwaiTV]

Einlass

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Thomas Melle wurde 1975 in Bonn geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und Berlin. Er ist Autor von erzählerischen Werken und Theaterstücken, daneben übersetzt er aus dem Englischen. Sein Debütroman ‚Sickster‘ (2011) war für den Deutschen Buchpreis nomiert und wurde mit dem Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet. 2014 folgte der Roman ‚3000 Euro‘, der ebenso wie „Die Welt im Rücken“ (2016) auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand.

Aufmerksam geworden bin ich auf Thomas Melle jedoch durch seinen Erzählband „Raumforderung“, der 2007 erschienen ist. Mich hatten sein Sprachstil und seine Wortgewalt schon damals tief beeindruckt und so stand ich seinem autobiografischen Buch „Die Welt im Rücken“ gespannt, aber auch eher ängstlich gegenüber, befürchtete ich doch, dass der Autor über seine (und meine) manisch-depressive Erkrankung – auch Bipolare Störung genannt – in einer Form schreiben könnte, die mir zu nahe geht. Und so dauerte es einige Zeit, bis ich dieses Buch endlich zur Hand nahm, weil ich mich gesundheitlich gefestigt genug fühlte, mich mit dem Thema intensiver auseinander zu setzen.

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Belohnt wurde ich mit einem Leseerlebnis der ganz besonderen Art. Thomas Melle erzählt von persönlichen Dramen und langsamer Besserung – und gibt einen außergewöhnlichen Einblick in das, was in einem Erkrankten so vorgeht. Die fesselnde Chronik eines zerrissenen Lebens, ein autobiografisch radikales Werk von höchster literarischer Kraft. Ihm gelingt auf authentische Weise auszudrücken, wofür mir bislang die Worte fehlten und was ich in der Form auch bisher noch nicht gelesen hatte. Einiges, das ich kaum in der Therapie wagte anzusprechen, hatte ich nun verschriftlicht vor mir und fand mich in manchen Gedankengängen und Feststellungen wieder. Anderes habe ich glücklicherweise nicht durchleben müssen, konnte es aber aufgrund der anschaulichen Darstellungsweise nachvollziehen. Es gab mitunter auch Stellen, denen ich nicht ganz folgen konnte, fühlte mich jedoch in die konfuse Gedankenwelt eines Bipolaren stimmig hineinversetzt.

Thomas Melle schreibt über ‚Die Welt im Rücken‘:

„Hier geht es nicht um Abstraktion und Literatur, um Effekt und Drastik. Hier geht es um eine Form von Wahrhaftigkeit, von Konkretion, jedenfalls um den Versuch einer solchen. Es geht um mein Leben, um meine Krankheit in Reinform.“ (S. 56)

Dieses Bestreben halte ich persönlich für sehr gelungen. Außerdem erklärt er:

„Von daher ist dieses Buch ein Versuch, mich von diesem ewigen Wiedergängertum freizuschreiben. Wenn ich mich nämlich nicht freischreibe, bleibe ich stecken, das weiß ich, und meine Texte würden weiter von diesen Doppelgängern bevölkert und beschwert sein, die letztendlich stets nur auf mich verwiesen, mich bloßstellten und gleichzeitig verbärgen. […] Wenn ich nicht wirklich versuche, meine Geschichten einzusammeln, sie zurückzuholen, die Stimme in eigener Sache unverstellt zu erheben, bleibe ich, auch und gerade im Leben, ein Zombie, ein Wiedergänger meiner selbst, genau wie meine Figuren. Gleichzeitig schreibe ich mich natürlich noch weiter ins Abseits, als ich eh schon stehe. Dann bin ich endgültig als ‚der Manisch-Depressive‘ festgesetzt und stehe alleine in der Ecke. […] Und doch ist es auch genau andersherum: Ich stand seit Jahren schon in der Ecke und verlasse sie jetzt.“ (S. 227)

Ein Buch, das mir vielfach aus dem Herzen spricht und mir das Gefühl gibt, mit meinem Bipolaren Wahnsinn nicht allein auf der Welt zu sein…

Vielen Dank, Thomas Melle!

-> Zur Leseprobe


Thomas Melle
Die Welt im Rücken
Gebundene Ausgabe, 352 Seiten
ISBN: 978-3871341700
€ 19,95 [D]
Verlag: Rowohlt
Erschienen: 26.08.2016

(Diesen Beitrag habe ich auch auf meinem Bücherblog umgeBUCHt veröffentlicht.)

Oh boy…

„Die Struktur aber ist auch gefährlich: Wann wird sie zum Stress, wann die beamtische Pflicht zum deprimierenden Übel? Ausschlafen aus gesundheitlichen Gründen ist immer wieder angezeigt, bloß nicht dem Stress das Steuer überlassen; doch auch nicht zu viel schlafen, denn sonst ist die depressive Verstimmung da, und die Abwehrreaktion dagegen könnte eine Manie auslösen. Schläft man wiederum zu wenig, droht die Manie gleich unvermittelt. Oh boy.

(Die Welt im Rücken von Thomas Melle, S. 213)

Noch brennt die meinige nicht, aber seit knapp einer Woche glimmt und lodert es wieder – meine Illusion von Stabilität trotz Krankheit zerspringt in ihre Einzelteile und löst sich in Angst auf.

Votum

„Wir müssen keine Übermenschen sein, um schlechte Zeiten zu überstehen, und niemand kann immer gut drauf sein. Aber auch wenn die Dinge ganz schlecht aussehen, können wir immer noch positiv in die Zukunft blicken. Optimismus ist eine Wahlmöglichkeit, die wir haben, wenn wir kreativ sind und selbst die Initiative ergreifen.“

[Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete von Cameron Bloom & Bradley Trevor Greive, S. 148]

Und manchmal gilt es abzuwarten und durchzuhalten, bis man wieder frei genug ist zu erkennen, dass es diese Wahlmöglichkeit tatsächlich gibt.