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Da ich von Irvin D. Yalom bereits die Romane „Die rote Couch“ und „Nietzsche weinte“ gelesen und die Verquickung von psychologischen und philosophischen Themen sehr gemocht hatte, war ich auf „Denn alles ist vergänglich“ sehr gespannt. Mit über 80 Jahren am Ende einer langen außergewöhnlichen Karriere angekommen nutzt der US-amerikanische Psychoanalytiker, Psychotherapeut, Psychiater, emeritierte Professor für Psychiatrie an der Universität Stanford und Schriftsteller Irvin D. Yalom seine gesammelte therapeutische Erfahrung, um sich mit den zwei größten Herausforderungen des Menschseins auseinanderzusetzen: Wie es gelingen kann, ein sinnvolles Leben zu führen. Und wie sich die Tatsache ertragen lässt, dass dieses Leben ganz unvermeidlich ein Ende finden wird.

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In zehn wahren Geschichten, in denen er Wiedererkennbares zum Schutz der Personen zum Teil verändert hat, legt Yalom den Fokus auf das Hier und Jetzt, wobei seine höchste Priorität auf der Entwicklung einer aufrichtigen, transparenten und heilsamen Bindung zwischen ihm und seinen Patienten liegt. Als Leser bekommt man Gelegenheit, Mäuschen in seinen Therapiesitzungen zu spielen und erhält Dank der Ich-Perspektive Einblick in seine empathische wohldurchdachte Gedankenwelt. Teils ist es erschreckend, wie schnell er unter Zeitdruck seine Patienten zu durchschauen vermag und sie scheinbar im Hauruck-Verfahren therapiert, andererseits sind die Gespräche aber auch gerade dadurch sehr intensiv und kommen schnell auf den Punkt. Oft ergeben sich durch die Erzählungen Themen, die einen das Buch beiseite legen lassen, und zum nach- und weiter denken anregen und im besten Fall für interessanten Gesprächsstoff mit einem ebenso nachdenklichen Mitmenschen sorgen.

„Ich musste daran denken, wie vollkommen unmöglich es doch war, jemals herausfinden zu wollen, wie Psychotherapie wirklich funktioniert. Wir Therapeuten bemühen uns so fieberhaft um Präzision in unserer Arbeit, wir streben danach, fein abgestimmte Empiriker zu sein, die versuchen, perfekt zugeschnittene Lösungen für die Bindungsschäden oder fehlerhaften DNA-Sequenzen unserer Patienten zu liefern. Doch die Realtitäten unserer Arbeit lassen sich nicht in dieses Modell zwängen, und oft ertappen wir uns beim Improvisieren, sobald wir uns gemeinsam mit unseren Patienten auf den holprigen Weg zur Gesundung machen.“ (S. 96)

Das macht den Autor sympathisch. Er hat keine Patentrezepte parat und gesteht sich auch Unsicherheiten und Fehler ein. Die Patienten in seinen Geschichten profitieren immer wieder auf eine Art und Weise, die er laut eigener Aussage unmöglich hätte voraussehen können. Und so erzählt er auf anschauliche Art und in einem flüssigen gut lesbaren Schreibstil von einem Patienten, für den es wichtig war, dass eine für ihn bedeutsame Person ihn als bedeutend erachtet; eine andere Patientin begreift, dass das wirkliche Leben im gegenwärtigen Augenblick gelebt wird; das Leben des nächsten Patienten ändert sich, weil Yalom ihm eine Haushälterin empfohlen hatte; eine Krankenschwester macht Bekanntschaft mit ihrem besseren Selbst; eine verstummte Schriftstellerin findet ihre Stimme wieder; die letzten Tage einer sterbenden Patientin füllen sich mit Sinn; eine Patientin erkennt, dass eine Diagnose das Verstehen beeinträchtigen und Verzerren kann; ein Patient findet sich selbst, indem er die Methode eines Denkers aus der Antike anwendet.

Dieses Buch ist keine leichte Kost und lässt sich nicht einfach so nebenher weglesen. Man hat Menschen und deren Gefühle und Problematiken vor Augen, was neben den Themen des Alterns und des Todes intensiv ist und nahe gehen kann. Gleichzeitig versteht Yalom es jedoch auch Hoffnung zu geben, indem er aufzeigt, welche Lösungen und Verhaltensweisen er gemeinsam mit seinen Patienten erarbeitet hat. Wenn man vor ernsten Themen nicht zurück schreckt und sich auf „Alles ist vergänglich“ von Irvin D. Yalom einlassen mag, kann man unter Umständen interessante Denkanstöße für sein eigenes Leben finden. Ein lohnenswertes Buch, wie ich finde.


Irvin D. Yalom
Denn alles ist vergänglich
Geschichten aus der Psychotherapie
Taschenbuch, Broschur, 240 Seiten
ISBN: 978-3-442-71473-5
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 13,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: btb
Erschienen: 12.09.2016

(Diesen Beitrag habe ich auch unter umgeBUCHt veröffentlicht.)

Bipolarer Jahresrückblick 2016

Im ersten Halbjahr rückte in der Therapie eine Problematik in den Vordergrund, die laut Krankenakte seit 8 Jahren dafür sorgt, dass es bei mir in der Jahresmitte psychisch bergab geht. Problem erkannt, Gefahr gebannt – na ja fast. Es hat sich in der Therapie einiges bei mir in Bewegung gesetzt. Letztendlich galt es die Ursache als gegeben hinzunehmen und zu akzeptieren. Es ist nicht gut, aber besser und mein Jahrestief war nicht ganz so tief, wie sonst.

Um auszuschließen, das vorgenannte Probleme keine körperlichen Ursachen haben, wurde mein Blut genauer untersucht. Es wurde ein erheblicher Vitamin-D-Mangel festgestellt. Seitdem nehme ich das Sonnenhormon in Tablettenform zu mir.

Ebenfalls etwa zur Mitte des Jahres hatte ich beschlossen mich wieder verstärkt dem Lesen zuzuwenden – einem meiner größten Hobbies. Ich erstellte den Blog umgeBUCHt und rezensierte dort fortan die gelesenen Bücher. Das brachte meine Gehirnzellen endlich wieder etwas mehr in Schwung und macht mir wirklich viel Spaß.

Als mein Herzbube von seiner Reise zurückkam, hatte er einiges an Filmmaterial mitgebracht. Das brachte mich dazu, mich mit dem Programm Blender zu beschäftigen, seine Filme zu schneiden und inklusive Musik zu einem schönen Urlaubsfilm zu verbinden. Auch das forderte mich, machte mir riesengroßen Spaß und sorgte dafür, dass es mir 2016 nicht langweilig wurde.

Psychisch hatte ich in der zweiten Hälfte des Jahres kaum Probleme. Immer mal wieder kreiselten die Gedanken unschön, um mich auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, wenn ich daran zweifelte krank zu sein. Aber das war es auch schon. Auch die Kraftlöcher waren in diesem Jahr nicht allzu tief, so dass ich sie meist nach kurzen Erholungspausen wieder verlassen konnte.

Leider habe ich seit einiger Zeit Probleme mit meiner rechten Schulter, weshalb in Punkto Sport nichts mehr machbar war. Das ist dummerweise auch auf der Waage messbar. Aber es gibt wirklich Schlimmeres, als das Jahr mit Gewichtsproblemen abzuschließen.

Für mich persönlich war 2016 gesundheitlich ein Jahr, das so gut war, wie seit mindestens 12 Jahren keines mehr. Nur dass ich seit einigen Tagen unter Schlafproblemen leide, macht mich etwas nervös und ich hoffe, dass sich da nicht gerade etwas Übles einschleicht – aber ansonsten blicke ich dem Jahr 2017 zuversichtlich entgegen.

Pausenmanagement

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Nachdem Abby eines Abends ihren Nachbarn Simon tot in seiner Wohnung auffindet, gerät das Leben der unter einer Bipolaren Störung leidenden Mittzwanzigerin wieder mal aus dem Gleichgewicht. Schließlich führt ihr Absturz von euphorischen Glücksphasen in die tiefe Depression so weit, dass sie sich in eine geschlossene psychiatrische Abteilung einweisen lässt.

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Das Buchcover fällt durch die farbenfrohe Gestaltung gleich ins Auge. Die abgebildeten Libellen greifen stilvoll den Titel des Buches auf und wiederholen sich auf schöne Art als Gestaltungselement bei den Kapitelüberschriften im Buch.

Bei diesem Roman handelt es sich um eine fiktive Geschichte, in die der Autor, der selbst an einer Bipolaren Störung (manisch-depressive Erkrankung) leidet, zum Teil seine eigenen Erfahrungen mit einfließen lässt. So erzählt er auf teils humorige Art die Geschichte von Abby und ihrem der Krankheit ausgeliefert sein, sowie ihrem späteren Umgang mit den daraus resultierenden Folgen.

So ernst dieses Thema auf den ersten Blick klingen mag, so unterhaltsam wurde es umgesetzt. Eine flüssige Schreibweise und ein Handlungsaufbau, der einen wie von selbst durch das Buch trägt, und man immer wissen möchte, wie die Geschichte weiter geht, sorgen dafür, dass man diesen Roman kaum aus der Hand legen mag.

Aber die Stärke dieses Buches liegt in den eindringlichen Schilderungen aus der Gefühlswelt und des Erlebens der Protagonistin mit dieser psychischen Erkrankung. Diese kommen der Realität recht nahe, wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung weiß. Der Autor hat hier die richtigen Worte gefunden, sodass man als Leser nachempfinden kann, was Abby gerade durchlebt. Auch die Gedanken und Gefühle ihres Lebenspartners werden beleuchtet und zeigen, was diese Erkrankung für die Beziehung bedeutet.

Besonders hervorheben möchte ich allerdings die Anmerkungen von Gavin Extence am Ende des Buches, in denen er auf wenigen Seiten sehr persönlich über seine Erkrankung schreibt. Diese fand ich eigentlich interessanter, als den Roman selbst. Denn obwohl der Autor Abby in der Ich-Form erzählen lässt, bleibt sie für mich eine fiktive Romanfigur, die mir nicht nahe kommt und trotz Gefühlsechtheit beim Lesen nur einen groben und doch eher oberflächlichen Einblick in die Kuriositäten und die Dramatik dieser Erkrankung bietet. Da es sich bei diesem Buch allerdings um einen Roman und nicht um ein Sachbuch handelt, empfinde ich dies auch als völlig ausreichend.

Empfehlen kann ich „Libellen im Kopf“ Lesern, die in erster Linie einen unterhaltsamen Roman über eine Mittzwanzigerin lesen möchten, deren Leben und Erleben durch ihre Bipolare Störung auf den Kopf gestellt wird.


Gavin Extence
Libellen im Kopf
Deutsche Erstausgabe
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Original: The Mirror World of Melody Black, Hodder & Stoughton, London 2015
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN: 978-3-8090-2634-1
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Limes
Erschienen: 14.11.2016

(Diesen Beitrag habe ich auch unter umgeBUCHt veröffentlicht.)

Freiheitsstrafe

Gerade bin ich wieder darüber gestolpert. Eine Behauptung, die ich früher ganz großartig fand, weil sie mir aus der Seele sprach:

„Die Gedanken sind frei“

Ein echter Sehnsuchts-Satz, der für mich früher ausdrückte, dass meine Gedankenwelt mir ganz allein gehört und ich denken kann was ich will.

Heute wird mir schlecht, wenn ich diese Worte höre.

Mit Grauen denke ich sofort daran, dass meine Gedanken gelegentlich so frei sind, dass sie mich in ihrem düsteren Gedankenstrudel mitreißen, um sich zum Zwecke meiner Selbstzerstörung etwas auszudenken.

Immerhin bin ich inzwischen so frei zu erkennen, wenn meine Gedanken gerade mal wieder im Freiheitsrausch sind.

Pain – A Wannabe

„Ich war während des Schreibens nicht gefährdet, ich bin immer im Leben gefährdet.“ Thomas Melle spricht über seine manisch-depressive Erkrankung, die er in dem Buch „Die Welt im Rücken“ beschreibt.

-> Sendung ASPEKTE vom 23.09.2016

Mit diesem Buch hat er es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 geschafft. Die Verleihung findet am 17. Oktober 2016 statt. Ich wünsche ihm Glück!